Für Mitarbeitende · 1. Mai 2026

bBU ohne Gesundheitsprüfung — der unterschätzte Joker

Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung mit guten Konditionen ist im Mai 2026 für viele Arbeitnehmer entweder zu teuer oder gar nicht mehr abschließbar — wegen Vorerkrankungen, Gesundheitshistorie oder Risikoberuf. Genau hier setzt die betriebliche BU (bBU) an: Sie bietet Schutz oft ganz ohne individuelle Gesundheitsprüfung. Der Haken: Du musst wissen, was sie kann — und was sie nicht kann.

"Ohne Gesundheitsprüfung" — was bedeutet das wirklich?

Eine bBU wird als Kollektivvertrag abgeschlossen: Der Arbeitgeber schließt mit einer Versicherung einen Vertrag für seine ganze Belegschaft (oder definierte Gruppen). Du als einzelner Mitarbeitender beteiligst dich daran.

Weil das Risiko über die ganze Belegschaft gestreut wird, kann die Versicherung auf die individuelle Risikoprüfung verzichten. Konkret heißt das je nach Vertragsmodell:

  • Voller Verzicht auf die Gesundheitsprüfung — gilt typisch ab einer Mindestzahl teilnehmender Mitarbeitender (oft ab 5–10 Personen)
  • Vereinfachte Risikofragen — z.B. nur 2–3 Fragen zum aktuellen Gesundheitsstand, statt einer kompletten Anamnese
  • Annahmequote 100 % bei manchen Tarifen — niemand wird abgelehnt

Das ist genau der Unterschied, der die bBU für viele zur einzigen realistischen Möglichkeit macht, überhaupt einen BU-Schutz zu bekommen.

Wer profitiert besonders?

Mitarbeitende mit Vorerkrankungen

Wer schon einmal Bandscheibenprobleme, eine Depression oder eine andere chronische Erkrankung diagnostiziert hatte, bekommt privat oft nur Tarife mit Risikoaufschlag (50–200 % Mehrbeitrag) oder Leistungsausschlüssen — falls überhaupt. Bei der bBU im Kollektiv: meist normaler Beitrag, voller Schutz.

Risikoberufe

Handwerker, Pflegekräfte, Erzieher, Bauarbeiter zahlen privat hohe Risikobeiträge. Im bBU-Kollektiv wird über alle Berufe gemittelt — der Beitrag wird damit für Risikoberufe oft deutlich günstiger als individuell.

Ältere Berufseinsteiger / Quereinsteiger

Wer mit 45 oder 50 noch privaten BU-Schutz aufbauen will, zahlt privat extrem hohe Beiträge — wenn er überhaupt noch einen Vertrag bekommt. Im Kollektiv: oft kein Problem.

Junge Berufstätige

Auch wer kerngesund ist, profitiert: Die bBU ist durch AG-Beteiligung und Steuer-/SV-Vorteil immer günstiger als ein vergleichbarer Privatvertrag. Wer früh einsteigt, sichert sich diesen Vorteil über das ganze Berufsleben.

Wo es in den Bedingungen wichtig wird

Verzicht auf abstrakte Verweisung

Die meisten guten bBU-Tarife verzichten auf die abstrakte Verweisung. Das bedeutet: Wenn du berufsunfähig wirst, prüft die Versicherung nicht theoretisch, ob du noch einen anderen Beruf ausüben könntest. Sie prüft nur, ob du tatsächlich umgeschult hast oder einen anderen Beruf ergriffen hast.

Das ist der Unterschied, der den Versicherungsfall in der Praxis ausmacht. Bei Tarifen mit abstrakter Verweisung kann der Versicherer sagen "Sie könnten ja als Pförtner arbeiten" — auch wenn du nie als Pförtner gearbeitet hast und es objektiv unwahrscheinlich ist. Bei Verzicht auf abstrakte Verweisung gilt nur dein erlernter Beruf.

Konkrete Verweisung — was heißt das?

Wenn du nach Eintritt der Berufsunfähigkeit doch wieder arbeitest — in einem Beruf, der zu deiner Ausbildung und deinem bisherigen Einkommen passt — kann die Versicherung die Rente einstellen (konkrete Verweisung). Das ist Standard. Trick aus der Praxis: In manchen Fällen läuft die BU-Rente trotz neuem Job parallel weiter, wenn der Versicherungsfall fortbesteht — quasi ein "zweites Gehalt".

50 % BU-Grad reicht

Standard in modernen bBU-Tarifen: Sobald du voraussichtlich für mindestens 6 Monate zu mindestens 50 % deinen Beruf nicht mehr ausüben kannst, gilt der Versicherungsfall. Das ist eine relativ niedrige Schwelle und wichtig für die Einstandspflicht der Versicherung.

Was kostet dich die bBU wirklich? — eine Klara-Rechnung

Wir nehmen die gleichen AG-Parameter wie im bAV-Artikel: 20 % Zuschuss vom Arbeitgeber plus 25 € Festbetrag. Damit zahlt der AG einen erheblichen Teil der bBU-Prämie — du als AN trägst nur den Rest, und auch der ist steuer- und SV-begünstigt.

Beispiel: Schreiner, 35 Jahre, 3.500 € Brutto/Monat

Versicherer-Bruttobeitrag laut Tarif: 137,41 €/Monat. Das ist der reale Tarifbeitrag — privat wie betrieblich identisch. Der Unterschied entsteht erst durch AG-Beteiligung und Steuer-/SV-Vorteile in der bBU. Finanziert über Entgeltumwandlung (§ 3 Nr. 63 EStG, steuer- und SV-frei, da deutlich unter den Höchstgrenzen).

1. Aufteilung des Beitrags

Eigenanteil (deine Entgeltumwandlung)93,68 €
+ AG-Zuschuss (20 % auf deine Umwandlung)+18,73 €
+ AG-Festbetrag+25,00 €
Gesamtprämie an Versicherer137,41 € / Monat

2. Was kostet dich das im Netto?

Bei 3.500 € Bruttogehalt, Steuerklasse I, ohne Kirchensteuer:

Brutto-Verzicht (deine Umwandlung)93,68 €
– SV-Ersparnis (~19,65 % AN-Anteil)−18,41 €
– Steuerersparnis (Grenzsteuersatz ~27 %)−25,29 €
Netto-Aufwand für dich~ 49,98 € / Monat

Das ist die ganze Geschichte: Für rund 50 € Netto pro Monat bekommst du als Schreiner einen vollwertigen Berufsunfähigkeitsschutz mit dem Tarif für 137,41 €. Das sind etwa 1,65 € pro Tag.

3. Wie groß ist der Rabatt gegenüber privat?

Wenn unser Schreiner den gleichen Tarif privat abschließen würde (also als Privatvertrag, ohne AG-Beteiligung und ohne Steuer-/SV-Vorteile), zahlt er die volle Bruttoprämie aus seinem Netto:

Privat — Netto-Belastung pro Monat137,41 €
bBU bei uns — Netto-Belastung pro Monat49,98 €
Ersparnis pro Monat87,43 €
Rabatt≈ 64 %

Auf den Punkt:

  • Pro Monat sparst du 87,43 € gegenüber dem privaten Abschluss.
  • Pro Jahr sind das 1.049 €.
  • Über 32 Berufsjahre bis Rente 67: ~33.500 € Beitragsersparnis — bei identischer Versicherungsleistung.

Was passiert in der Auszahlphase?

Wenn die Berufsunfähigkeit eintritt und die bBU zahlt, fallen — wie auf andere Versorgungsbezüge i.S.v. § 229 SGB V (i.V.m. § 226 SGB V) — sowohl Einkommensteuer als auch Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung und Pflegeversicherung an.

  • Krankenversicherung: Beitragspflicht nach § 229 Abs. 1 Nr. 5 i.V.m. § 226 SGB V; allerdings gilt der Versorgungsbezugs-Freibetrag aus § 226 Abs. 2 SGB V (1/20 der monatlichen Bezugsgröße West, 2026 rund 197,75 € pro Monat). Erst der darüberliegende Anteil ist beitragspflichtig — und das mit dem vollen KV-Beitragssatz.
  • Pflegeversicherung: Beitragspflicht des überschießenden Anteils analog zur KV — § 57 SGB XI verweist auf die beitragspflichtigen Einnahmen nach § 226 SGB V, der Freibetrag wirkt also auch hier. Liegt die bBU-Rente unter dem Freibetrag, fällt weder KV- noch PV-Beitrag an.
  • Einkommensteuer: Die Rente erhöht das zu versteuernde Einkommen. Wenn die bBU-Rente das einzige Einkommen ist, bleibt im Rahmen des Grundfreibetrags (2026: 12.096 €/Jahr für Ledige) ein erheblicher Teil steuerfrei.
  • Privat Krankenversicherte zahlen den eigenen PKV-Tarif unabhängig von der Quelle der Rente.

Wichtig zu wissen: Die rechtliche Lage ist hier komplex — durch das BVerfG-Urteil vom 28.09.2010 (1 BvR 1660/08) sind rein aus arbeitnehmerfinanzierten Privatprämien gespeiste Rentenanteile von der KV-Beitragspflicht ausgeschlossen. In der typischen bBU-Konstellation mit Entgeltumwandlung und AG-Beteiligung greift diese Ausnahme aber nicht — die Rente bleibt grundsätzlich beitragspflichtig (über dem Freibetrag).

Was nach Steuern und Sozialabgaben übrig bleibt, ist je nach Lebenssituation, sonstigem Einkommen und Krankenkassen-Zusatzbeitrag sehr unterschiedlich. Eine konkrete Rechnung mit deiner persönlichen Situation gehört zur Beratung beim Antrag dazu.

Häufige Fragen

Bekomme ich die bBU wirklich auch mit Vorerkrankungen?

Ja, in den meisten Kollektivverträgen — entweder ohne jede Gesundheitsfrage oder mit stark vereinfachter Prüfung. Die Annahme erfolgt im Rahmen der Kollektivannahmebedingungen, nicht der individuellen Risikoprüfung. Frag deinen Arbeitgeber konkret nach den Annahmebedingungen, bevor du dich entscheidest.

Was ist günstiger — bBU oder private BU?

Bei gleichem Tarif ist die bBU immer günstiger. Grund: Sie wird über Entgeltumwandlung aus dem Brutto finanziert (Steuer- und SV-Ersparnis nach § 3 Nr. 63 EStG), und der Arbeitgeber muss sich gesetzlich beteiligen — bei uns mit 20 % Zuschuss plus 25 € Festbetrag. Privat zahlst du den vollen Beitrag aus dem Netto. Die typische Förderquote liegt bei 55–60 %.

Was passiert bei Arbeitgeberwechsel mit meiner bBU?

Eine bBU hat die gleichen Rechte wie eine bAV beim Arbeitgeberwechsel: Mitnahme zum neuen Arbeitgeber (§ 4 Abs. 3 BetrAVG), Beitragsfreistellung oder private Fortführung. Bei ASS-KO-Mandanten begleiten wir den Prozess automatisch und kostenfrei. Mehr dazu in unserem Artikel zum Arbeitgeberwechsel.

Wann gilt der Versicherungsfall?

Wenn du voraussichtlich für mindestens 6 Monate zu mindestens 50 % deinen erlernten oder zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr ausüben kannst — körperlich oder psychisch. Die Diagnose stellt der behandelnde Arzt, die Versicherung prüft anschließend.

Lohnt sich bBU + bAV gleichzeitig?

Absolut. bAV sichert dein Alter ab, bBU sichert dein Einkommen davor ab — falls du gesundheitlich vorzeitig nicht mehr arbeiten kannst. Beides nutzt die gleichen Steuer-/SV-Vorteile (§ 3 Nr. 63 EStG) und kann parallel laufen. Eine moderne bAV kommt oft mit eingebautem Beitragsverzicht bei Berufsunfähigkeit — gute Kombi.

Konkret prüfen — passt die bBU zu dir?

Wenn dein Arbeitgeber Mandant von uns ist, klären wir im persönlichen Gespräch deine konkrete Situation: Beruf, Alter, Vorerkrankungen, Familienstatus — und vergleichen mit dem aktuell verfügbaren Kollektivvertrag. Frag in deiner HR-Abteilung nach uns oder kontaktiere uns direkt.

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